Straßengeschichte #1: „Wir ziehen uns gegenseitig runter, obwohl wir schon ganz unten sind“

Er war 13, als er das erste Mal Crack roch. An diesem Tag trat er ein, in eine Welt, die keine Gnade kennt. Chris wurde süchtig nach dem High. Die Probleme begannen, als er wieder runterkam.

Er brauchte mehr. Und wer seinen Stoff braucht, geht dahin, wo es viel davon gibt. In Frankfurt am Main fand er Anschluss an die falschen Leute. Er dealte ein paar Jahre lang.

Als das kurze vernebelte Hochgefühl, das Crack einem verschafft, nicht mehr ausreichte, spritzte er sich das erste Mal Heroin in den Arm.

Vergangenen Sommer saß er seine vierte Haftstrafe ab. Körperverletzung, halbes Jahr. Chris spricht nicht gerne darüber. Nicht, weil er etwas verheimlichen möchte, sondern weil er Angst hat. Vor verurteilenden Blicken. Er weiß, was Respekt ist, aber er weiß auch, dass er hier mit seiner Geschichte keinen mehr zu erwarten braucht.

„Ich habe drei Schlampen hier.“

In Berlin gibt es nur selten ein Lächeln für ihn. Wenn man ein Assi ist, ein Druffi, wie er sich selbst bezeichnet, ist man für die meisten Menschen Dreck. Vor allem wenn man schnorrt. Immerhin sind die Leute hier aber etwas wärmer als in Frankfurt. Ihm war es da zu kalt. Auf der einen Seite die Hochhäuser, die mit viel Kohle. Auf der anderen Seite die Drogen, das Pack, die Asozialen.

Heute ist Chris 30. Hier, direkt am Kotti, lebt er nun seit einigen Jahren. Gerade schläft er auf einer Parkbank, was Morgen ist, weiß er nicht. Das letzte Mal gewaschen hat er sich am Vorabend. Ein älterer Mann fragte ihn, ob er ihm einen blasen dürfe. Chris ging mit ihn die Wohnung, haute nach der Dusche aber ab. So weit würde er nicht gehen, so viel Würde will er sich bewahren.

Chris sagt, er hat drei Frauen. Er nennt sie Schlampen: Er bekommt den Sex, sie die Drogen. Mit einer der Frauen gibt es gerade Probleme. Sie ziehen sich gegenseitig immer weiter runter, sagt er. Eigentlich ist das aber nichts neues für ihn.

Alle hier ziehen sich runter, obwohl sie schon ganz unten sind. Auf dem Drogenstrich nutzen sie es aus, wenn du emotional bist, depressiv, sagt Chris. Warum tun Menschen das, sich so viel Leid zufügen, fragt er und schaut nach oben, wo die Gleise der U1 knattern. Wahrscheinlich wegen der Macht, philosophiert er vor sich hin. Wegen der Kontrolle, wenn schon nicht über sich, dann wenigstens über andere.

„Man muss sich doch helfen, das gehört sich doch so.“

Er ist bekannt hier, einige nennen ihn Christl, in Anlehnung an Crystal; darauf hing er ein paar Jahre, um vom Crack und Heroin wegzukommen. Gerade nimmt er gerade Methadon, um auch vom Crystal wegzukommen. Die Dosis konnte er soweit reduzieren, dass ein kleines bisschen am Tag ihm ausreicht. Er will ganz weg von dem Zeug. Weg von der Straße.

Er fühlt sich, als habe er hier keine Luft zum Atmen. Er sieht zwar die Kreuzung in alle Richtungen, aber weiß nicht wohin mit sich.

Ganz früher war er ein guter Junge, sagt Chris. Wohlerzogen, gutes Elternhaus. Seine Mutter lebt ein ganz anderes Leben wie er, hat einen Job, ein Haus. Sie ist immer gut zu ihm gewesen. Mit seinem Bruder hat er hin und wieder Kontakt. Der ist so ein spiritueller Typ, sagt kluge Sachen.

Sie haben ihm kürzlich gesagt, er solle doch mal eine Weile heimkommen. Seine Familie würde ihm immer das Zugticket heim bezahlen. Aber wenn er heimkommt, nach Bayern, fühlt er sich nicht wohl. Er zieht die Kapuze ins Gesicht, wenn er aussteigt, weil er die Blicke spürt. Hier in Berlin kann er unsichtbar sein und ihm gefällt besser, dass die Leute hier sein können wie sie möchten. Die Schwulen zum Beispiel, es ist doch toll, dass sie sich ausleben können, sagt er.

Wann immer er jemanden auf der Straße sieht, dem es nicht gut geht, versucht er zu helfen, sagt Chris. Er selbst nimmt Hilfe und Rat schon an, aber er weiß, dass er selbst sich aus seiner Situation bewegen muss. Geld hilft ihm gerade nicht mehr so viel, meint er. Wärme, das ist mehr wert.

Letztens hat sein Bruder ihm ein Buch über Psychologie geschickt, das war ihm auch mehr wert. Psychologie hat ihn schon immer interessiert, das menschliche Gehirn. Er hat es ganz gelesen.

Chris hat noch ein paar Dinge zu erledigen, meint er, aber er ist auf dem richtigen Weg jetzt. Weniger Nebel. Zumindest die Träume in seinem Kopf, die werden klarer.


Ich traf Chris kürzlich am Kottbusser Tor und fragte ihn, ob ich mich für die Dauer eines Bierchens zu ihm setzen darf. Kurz danach waren wir vertieft im Gespräch. Nach etwa zwei Stunden verabschiedeten wir uns. Ich versprach ihm, nach ihm Ausschau zu halten, wann immer ich am Kotti bin. Ich hoffe aber, dass ich ihn nicht so schnell wiedersehen werde. Als er mich nach Rat fragte, sagte ich ihm, vielleicht sollte er Deutschland irgendwie verlassen, und in südlichere Gebiete gehen, weil er die Wärme, die er sucht, in diesem Land nicht bekommt, und dass ich damit nicht das Wetter meine. Er hat gelächelt und gesagt: „Ja, vielleicht hast du recht.“

Wenn ihr möchtet, könnt ihr hier eine kleine Spende an die Berliner Obdachlosenhilfe entrichten. Sie hilft bedürftigen Menschen unter anderem mit warmem Essen und Kleidung (auf Text klicken).

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